Vita

STIPENDIEN

2018
Atelierförderung des Bayrischen Staatsministeriums
2017
Förderkoje der Stadt München auf der artmuc art fair München
2016
Atelierförderung des Bayerischen Staatsministeriums
2014-2019
Ateliervergabe städtisches Atelierhaus am Domagkpark
2011
Stipendium Bayerisches Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst

 

AUSSTELLUNGEN / PROJEKTE AUSWAHL

2020
“Körper Schwellung – oral 2” I “Farbenküche” I Halle 6 I München
2019
“Wurzeln der Dualität” PV #09 I Performance Abend I Magdalena München KNOT I Pathos Theater München
“Ich saug an meiner Nabelschnur”, PV #29a/b, #30 I “Wie sehn ich mich, Natur, nach dir” I Galerie FOE München
“Noodlekisses” PV / SPV #28
2018
“Körper/Wand Schwellungen – oral 1/2” PV #11.1,11.2, “Kontakt Bronze” PV#23 I artmuc art fair München
“Candybox” I Entwurf für den öffentlichen Raum I München
“Wand Schwellung – oral 1” SPV #11.1 I “Kiss, Kiss, Bussi, Bussi” I kuratiert v. A. Wondrak I Wiedefabrik I München
“Absoluter Innenraum“ SPV #26a, „Pionierbataillon 210“ I Städt. Atelierhaus am Domagkpark I München
„Distanzen“ PV #27 I München
“Perlenkette” PV #25 I The Dinner#4 I Mia Maljojoki I München
2017
“Going to Paradise” PV #17, “Menschenboden” PV #16, “Dreamer” SPV #14 I “Touching the Blank“ I Kösk I München
“Kontakt Bronze” PV #23, “Selbst Schwellungen” PV #24 I Förderkoje der Stadt München I artmuc art fair München
2016
“Matratzenfinger” I Festival der Videokunst I Halle 50 I Städt. Atelierhaus am Domagkpark
„ich und du / tissue of consciousness“ I St. Paul I München
„Körper Schwellungen“ PV #21, „Wand Schwellungen“ PV #22 I Städt. Atelierhaus Domagkpark I München
“Stellungnahmen” I Entwurf für den öffentlichen Raum I München
2015
„Pucking Home“ I Performance I Gast bei „Mei sweet hoam“ I Tommy Schmidt I München
„Kontakt Schaumstoff“ PV #09 I ein Versuch mit Architekturstudenten I Lothringer13 Halle I München
„Dreamer“ PV #14 I „Apparate“ I Halle50 I Städt. Atelierhaus am Domagkpark I München
„Zellzyklen“, „Schaukeln“ PV #12 I Städt. Atelierhaus am Domagkpark I München
„Rettungsinseln“ I Pop-Up Performance I Maximilianstraße I München
„Formen der Liebe“ I Installation I München
2014
„Zwischenraum schmecken“ I „Investigations between inner and outer spaces“ I Galerie der Künstler I München
„Befeuchtung 01“ I Raumskulptur I „Kaltes Klares Wasser“ I Schloss Hartmannsberg I Bad Endorf
„Befeuchtung 02/03“, “Unendliche Weiten” PV #06, “Adam & Eva” PV #10 I  Städt. Atelierhaus am Domagkpark I München
2011
„Bride´s cocoon“ I Raumskulptur I „Memorias“ I IV. Festival International de las Artes I Arenas de S. Pedro I Spanien
2010
„MUSEN küssen_IDEEN knistern_ARCHITEKTEN knautschen“ und „MUSEN_2“ I Videoportraits I Werkstatt Brienner_48 I München
„Assorted Oddities“ I Videoinstallation I Gast bei Micha Purucker I Schwere Reiter I München
„Kirchenbänke auf dem Odeonsplatz“ I Entwurf für den öffentlichen Raum I München
„Spieglein, Spieglein, … Gucci goes Lollipop“ I Entwurf für den öffentlichen Raum I München
2008
„Bits and Pieces of Love” I Bühnenbild I Mc Coy Dance Company I Schwere Reiter I München
2007
„beyond words” I Raum-, Lichtkonzept I Mc Coy Dance Company I i-camp I München
2002
„lebens-mittel-punkt“ I Videoportraits I München
2000
„Autoparkschutzscheibe“ I Max-Joseph-Platz I München
1996
„Zurückbleiben“ I Preisträgerin „Kunst statt Werbung“ I U-Bahnhof-Galerie I Berlin Alexanderplatz
1994
„Architektur – Zwischenraum – Tanz“ I Aedes Galerie Berlin
„Mauergedenkstätte Bernauer Straße“ I Wettbewerb I Berlin
„Landreste“ I Tanzvideo I Choreographie Christina Ciupke I Berlin


2000-2002

Akademie der bildenden Künste München I Prof. Otto Steidle
1987-1993
Architekturstudium I TU Berlin I Diplom
1984-2008
Tanzpraxis Berlin/München I Modern Dance I Release Technik I Ballett

 

Susanne Schütte-Steinig ist Künstlerin, Architektin und Yogalehrerin mit tänzerischem Hintergrund. In ihrer künstlerischen Praxis verbinden sich diese Bereiche zu einem Werk, in dem es um Körper und Räume geht.

Die Dynamik zwischen dem Raum mit seinen Begrenzungen und dem menschlichen Körper, der sich dazu unbewusst in permanenter Anpassung befindet, die Spannung zwischen sich nährenden Körpern, sowie die Begegnung von Mensch und Natur, um diese korrelierenden Aspekte kreisen Schütte-Steinigs Arbeiten, die meistens als performative Laborsituationen angelegt sind. Die Performances werden in der Regel von den Rezipienten, also den Besuchern einer Ausstellung selbst ausgeführt. Man ist eingeladen, von der Künstlerin choreographierte Settings zu beleben. Der eigene Körper wird temporär Teil der Arbeit, und mit ihm die je individuelle Erfahrung.

Wenn man als Ausstellungsbesucher mit einer vorbereiteten Performance konfrontiert wird, an der man selber teilnehmen soll, gibt es zwei klassische Reaktionen: schamhaft-schüchterne Zurückhaltung, Skepsis und Abwehr, oder Neugier gepaart mit Begeisterung und Experimentierfreude; natürlich auch ein fließendes Spektrum zwischen den Extremen. Susanne Schütte-Steinig arbeitet bewusst mit den Menschen und ist dabei besonders interessiert an deren Erfahrungen in und nach der Performance. Sie erforscht, was die Arbeit mit dem Probanden macht. Eine häufige Reaktion, die die Künstlerin selber überrascht, aber auch freut, ist diese: „Es hatte etwas Therapeutisches“. Kunst als eine heilende Erfahrung, als remedy, ist ein Aspekt, der häufig vernachlässigt oder bewusst ausgeblendet wird im zeitgenössischen Diskurs. Man wähnt sich dann in uncoolen therapeutischen Kontexten, oder schlimmer noch, im esoterischen Umfeld. Aber Kunst kann im besten Fall auch ein Katalysator sein. Sie kann, wie die oft als Experimente angelegten Werke von Susanne Schütte-Steinig, ein gutes Medium sein, um als Mensch Erfahrungen zu kanalisieren.

Die Künstlerin installiert im Raum einfache Aufbauten und Props. Beispielsweise in der Arbeit SCHAUKELN. Von der Decke hängt eine Schaukel, auf die man sich setzen kann und soll, wie im Garten oder auf einem Spielplatz. An der Wand gegenüber der Schaukel ist eine Latexmatratze so über ein gespanntes Seil gelegt, dass sie, ähnlich wie ein Felt Piece von Robert Morris im Sinne der Anti-Form durch ihr eigenes Gewicht und die Spannung im Material, leicht in den rechten Winkel von Boden und Wand gedrückt eine eigenwillige, dynamische Form bildet. Skulptural, das Lochmuster im Schaumgummi sichtbar, da der Schonbezug fehlt, schmiegt sich dieser Alltagsgegenstand fremd und poetisch an die Wand. Die simple Schaukel aus Holz und Seil an sich ist schon ein Versprechen: Die meisten Menschen in der westlichen Welt kennen das Gerät aus der Kindheit, die Schaukel steht für buchstäbliche Unbeschwertheit, sie lässt sehr kleine Kinder oft das erste Mal bewusst das Gefühl von Schwerelosigkeit spüren, hier lernt man durch Gewichtsverlagerung den eigenen Körper fliegen zu lassen. Es ist ein zentrales kindliches Erleben des eigenen Körpers und seiner Autonomie. Das Szenario wird die meisten Besucher triggern: Man spürt schon beim Hinsehen das Kribbeln im Bauch, das zum hohen Schaukeln gehört. Hierzu lädt die Künstlerin ein, aber nicht wie auf dem Spielplatz: Man stößt mit den idealerweise nackten Füssen sanft in die perfekt platzierte Matratze und federt zurück. Es ist ein sehr sinnliches Erleben, das kindliche Freude auslöst, es ist vertraut und neu zugleich. Ein Tanz mit dem Raum, ein friedlicher Zusammenstoß des Körpers mit den Grenzen, eine Erfahrung für die Füße, die in unserer Kultur viel zu selten nackt sein dürfen, obwohl sie so viele Reflexpunkte haben, die stimuliert werden wollen und sollten. Der Körper und die Füße kommunizieren aus der Ferne über den Raum und auch in der unmittelbaren Berührung mit der Matratze.

In den oft spielerischen Arrangements von Schütte-Steinig geht es darum, körperliche und geistige Grenzen zu erfahren und gegebenenfalls zu überschreiten, die einem oft gar nicht bewusst waren. In Situationen wie etwa in der Arbeit „Unendliche Weiten“, die man mit verbundenen Augen erspürt, ist der Kopf umfangen, sodass Außenreize minimiert werden. Auf den „Rettungsinseln“, bei welchen man auf Yogablöcken, die die Künstlerin mit Industrieklebeband „versilbert“ und ihrem Logo personalisiert hat, unterstützt über dem Boden schwebt, erfährt man das eigenen Gewicht neu, nämlich gewissermaßen in der Negation, es entsteht ein schwebendes, fast fliegendes, leichtes Körpergefühl. Der Raum über dem Körper im Liegen wird neu wahrgenommen. In der Arbeit „Menschenboden“ schweben zahlreiche Personen auf den Blöcken dicht aneinander gerückt und bilden eine parallele Fläche zum Boden, wie eine zweite Ebene. Die Besucher können sich frei bewegen und die verschiedenen Ebenen auf diese Weise durchdringen. Raum, Fläche und Grenze werden neu definiert.

Viele ihrer Arbeiten sind für zwei Personen ausgelegt, beispielsweise „HemiSphären“, „Stellungnahme“ und „Kontaktstellenadapter Bronze“. Einige dieser situativen Performances zeigen die Verbundenheit der Künstlerin mit dem Werk des Künstlerpaares Marina Abramovic und Ulay, die in den 1970er und 1980er Jahren in ihren Aktionen oft an die Grenze der körperlichen Unversehrtheit gingen und immer selbst performten und Paar-Dynamiken ausagierten. Schütte-Steinig führt ihre Begegnungen auch selbst aus, ist aber mehr interessiert an dem was „passiert“, wenn Menschen unvorbereitet im und mit dem Raum in Verbindung treten.

In ihren neuesten Arbeiten begegnen sich Mensch und Natur. In „Baum – Sein 2“ wird ein Baum umarmt. Die altbekannte hippieske „Tree Hugger“ Situation wird auf die Spitze getrieben: Person und Baum sind durch ein großes Latexstück eingehüllt und verschmelzen zur Einheit. Das anschmiegsame elastische Material formt die Anatomien der Antagonisten nach und vereint, ja amalgamiert sie. In „Baum – Sein 1“ passiert nur scheinbar das Gegenteil. Einige Meter entfernt steht eine Probandin vom Baum abgewendet leicht in zwei Latexbänder gelehnt, die um den Baum geschlungen sind. Man ist in diesem Fall abgewendet vom Baum, aber dennoch mit ihm verbunden (im Grunde sogar angebunden), seine unerschütterliche Festigkeit wirkt über die Entfernung stabilisierend auf den Menschen, der sein Gewicht in die Latexbänder lehnen kann, sich auf den Baum verlassend. Gleichzeit erscheint der Mensch von der Ferne auch wie ein Baum, fest verwurzelt, wie eine Spiegelung des Baumes.

Die Künstlerin hat als Architektin besonderes Interesse am Raum. Nicht jeder Raum bzw. Ort ist gleichermaßen geeignet für Menschen und/oder Kunst. Auf der Suche nach bespielbaren Situationen findet die Künstlerin „Un-Orte“, wie Tiefgaragen, zwischengenutzte Büros oder Ladenlokale. In einer riesigen fensterlosen Garage liegt eine Frau allein auf Blöcken, und durch das menschliche Maß wird die absurde Weite dieses Ortes, der nicht für Menschen, sondern ihre Autos gemacht wurde, betont. Tiefgaragen haben nicht umsonst Frauenparkplätze, die schwebende Frau wirkt verletzlich und auch autark, es ist ein poetisches, versöhnliches Moment an diesem brutalen Ort.

Indem Schütte-Steinig an genannten Schauplätzen ihre Werke situiert, belebt sie diese neu. Die erweiterte Aura derer, die es wagen, die Schuhe auszuziehen, in die vorbereitete, noch fremd wirkende Gerätschaft vertrauensvoll hineinzuschlüpfen, etwas über den Kopf zu stülpen, zu liegen, zu fallen, loszulassen machen das Werk zu dem, was die Künstlerin intendiert, belebt den Raum, arbeitet gegen die hässlichste abgehängte Decke, die fensterlose Halle und erzeugt Energie, setzt Kräfte frei, dem Wesen nach nicht anders als beim Tanz oder Yoga. Es geht um etwas, das im Raum vorhanden, aber nicht sichtbar ist, um einen alles durchdringenden, universalen Raum. In Susanne Schütte-Steinigs Werk sind Kräfte aktiv, die nicht nur auf den Menschen heilsam wirken, sondern auch auf Orte.

Tanja Pol, Kunsthistorikerin MA, 2020

 

Ursprünglich ist Susanne Schütte-Steinig ausgebildete Architektin und Tänzerin. Als Architektin verfügt sie über die Fähigkeit, Räume zu erbauen und Übergänge zwischen Innen und Außen zu gestalten. Als Tänzerin tritt sie körperlich in Interaktion mit dem Raum, rhythmisiert seine Leere durch Choreographie, reagiert auf die Bewegungen anderer TänzerInnen und bringt eigene Empfindungen und Sensationen live in den performativen Akt ein. Indem sie diese Ansätze miteinander verbindet, ist es der Künstlerin möglich, eine weit intensivere und leibhaftigere Auseinandersetzung mit dem Raum zu entwickeln. Susanne Schütte-Steinig geht es bei ihren Versuchsanordnungen vor allen Dingen darum, ein Gefühl und ein Gespür für das zu entwickeln, was Raum sein kann. Sie lenkt unsere Wahrnehmung von einer beobachtenden Perspektive „auf“ den Raum hin zu einem physischen und psychologischen Erleben „von“ Raum.

Im abgebildeten „Experiment“ geht es um einen Schaumstoff-Quader, aus dem eine allgemein gültige Kopfform ausgeschnitten wurde. Susanne Schütte-Steinig nennt derartige Formteile „Körpererweiterungen“. Der bereitwillige Versuchsteilnehmer darf sich mit verbundenen Augen vor eine Wand stellen und seinen Kopf in der negativen Schaumstoff-Form, die schulterhoch aufliegt, platzieren. Die Beschränkung seiner gewohnten Wahrnehmung und der Rollenwechsel vom Betrachter zum Akteur eröffnen ihm ein alternatives, breit gefächertes Wahrnehmungs- und Assoziationsspektrum. Er wird durch die Resonanzen des Materials auf seinen Körper ein Gespür für das sonderbare „Dazwischen“ entwickeln, das ihn zugleich von der Wand trennt und mit der Wand verbindet und das sich in der Regel unserer Wahrnehmung entzieht.

Katrin Dillkofer (KD), 2015